4. So im Jahreskreis Lesejahr B

Biblische Lesungen: 

1. Lesung Jer 1,4f.17–19:
 
2. Lesung 1Kor 12,31–13,13

Evangelium Lk 4,21-30

Predigt von HG Unckell am 3.2.19 

Liebe Mitchristen

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie den eher vertrauten Abschnitt in der Lesung, das sogenannte „Hohe Lied der Liebe“ hörten? Das Wort Liebe ist in vielen modernen Songs tagtäglich zu hören. Was bedeutet es? Wie können wir Liebe leben, von der Paulus behauptet, dass sie bleibt? Paulus nutzt in seinem Brief ein Wort, so kann man in einem Kommentar nachlesen, das in der damaligen Umgangssprache selten für Liebe benutzt wird. „agape“, ein Wort, dass auch die damals gebräuchliche Übersetzung der Bibel bevorzugt. Es ist nüchterner und weniger emotional als andere Begriffe für Liebe wie „Eros” und „philia“ (Freundschaftsliebe).

Hat das Tun Jesu im Evangelium etwas mit Liebe in diesem Sinn zu tun? Die Stimmung kippt da ja schnell. Die Menschen staunen und dann bringt Jesus mit dem geläufigen Sprichwort „Arzt, heile dich selbst!“ eine Woge in Bewegung. Diese Woge überflutet alle, als er noch nachlegt: „Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt“. Diese Woge der Wut, der Enttäuschung, spült ihn fast in den Tod.

Ist es Liebe, wenn Menschen so ihre eigene Wut zu spüren bekommen? Wenn sie merken, wie ihre Hoffnungen auf etwas Besonderes enttäuscht werden? Jesu erste Predigt im Markus Evangelium war: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium! Ein anderer Ausdruck für „Kehrt um!“ wäre „Erneuert euer Denken!“ Diesem Anruf wollen oder können die Menschen in Nazareth nicht entsprechen. Sie möchten über den berühmten Sohn staunen. Sie wollen Wunder sehen, letztlich so bleiben, wie sie sind, nicht ihr Denken erneuern, warum auch immer.

Jesus liebt die Menschen so, dass er ihnen Beziehung mit Gott, zum Glauben ermöglichen will, eine ganzheitlichen Ausrichtung des Denkens und Fühlens auf den Urquell der Liebe. Das ist unser Auftrag als Jünger Jesu, als Kirche bis heute. Jesu sagt bei seinem Abschied, bleibt in meiner Liebe. Und liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.

Hier zeigt sich ein Dilemma von Kirche, als dem Leib Christi, durch alle Jahrhunderte bis heute. Liebe ist nicht gleichzusetzen mit dem Erfüllen von Wünschen. Das wissen alle Eltern, wenn sie im Kaufhaus mit einem quengelndem Kind konfrontiert sind. Gelebte Liebe nimmt das Gegenüber so an, wie es ist. Erfahrene Liebe regt an zu Wachstum, zu Veränderung, zum Wunsch, selber zu lieben – das Denken zu erneuern. Gelebte Liebe kann natürlich nicht die genaue Art und Weise dieses Wachstums festlegen aber mit Wachstum rechnen, es fördern. Das gilt ganz besonders in unseren Tagen. Glaube ist nicht Schicksal sondern Entscheidung auf eine größere Liebe hin. Die Macht der Institution geht zurück, der Einzelne tritt stärker hervor und damit die persönliche Verantwortung. Liebe zielt nicht auf Versorgung. Sie fördert und fordert den Liebenden, wie die Geliebten, die Nähe Gottes zu erfahren. Liebe lädt ein zur Umkehr und zum Glauben, sie ist im Kern Gottes Wesen verbunden.

An Jesus können wir gelebte Liebe beobachten, Liebe, die mit viel Freiheit verbunden ist. Das Evangelium heute zeigt, Liebe kann das Denken der Mitmenschen auch provozieren. 2 Beispiele aus dem Leben der großen Propheten Elija und Elischa zeigen die meisten wollen ihr Denken nicht verändern. Liebe kann als Antwort Unverständnis, schlimmstenfalls Hass, nach sich ziehen. Die gefühlte Provokation im heutigen Evangelium erleben die Menschen als Störung, die sie beseitigen wollen, um ihre Position zu bewahren. Übrigens eine Reaktion, die öfter in Konflikten als Antwort auf Enttäuschungen vorkommt…

Mich regt das Evangelium an, gerade auch als Pfarrer, die Glaubenden immer wieder zu ermutigen, so Liebe zu leben - Salz der Erde zu sein. Versorgung, ob damals mit Wundern, oder heute mit pastoraler Dienstleistung, ist kein Ausdruck von gelebter Liebe, sagt mir das Evangelium. Beim Umgang mit Erwartungen darf uns, so ermutigt das heutige Evangelium, nicht die Wut oder die Enttäuschung der Menschen leiten, sondern die Frage, was ist Gottes Wille für mich und für uns, was kann ich, was können wir von diesem Willen erahnen, was ist die Tat der Liebe.

Unsere Kirchengemeinden sind Orte, wo Menschen lernen, einander zu lieben, davon bin ich überzeugt. So bleibt Gottes Nähe erahnbar für alle Menschen über die Zeiten hinweg, so kommen Menschen immer neu mit dem Evangelium und mit Jesus Christus in Kontakt und können ihr Denken erneuern. Dazu möchte ich Sie durch mein Dasein als Pfarrer anstiften, dazu werden wir manche Provokation durchstehen müssen, letztlich, wie jeder Christ durch Wogen hindurch den eigenen Weg suchen.